Das Achtundsiebzig-Karten-System
Übersicht
Das Standard-Tarotdeck besteht aus achtundsiebzig Karten, die in zwei Hauptgruppen unterteilt sind: die Große Arkana (zweiundzwanzig Karten) und die Kleine Arkana (sechsundfünfzig Karten). Diese Struktur ist von den italienischen Trionfi-Decks aus dem 15. Jahrhundert bis hin zu modernen kommerziellen und Indie-Tarotdecks bemerkenswert stabil geblieben. Es ist wichtig, diese Architektur zu verstehen, bevor man einzelne Karten studiert, denn die Beziehung zwischen den beiden Gruppen prägt die Art und Weise, wie Leser jeden Legung interpretieren.
Die Zahl achtundsiebzig ist nicht willkürlich. Es ergibt sich aus der Kombination von zweiundzwanzig Trumpfkarten mit vier Farben zu je vierzehn Karten (Ass bis Zehn, plus vier Bildkarten). Dies ergibt: 22 + (4 × 14) = 78. Das System stammt aus der Zeit vor der modernen esoterischen Interpretation; Es handelte sich ursprünglich um eine Spielstruktur, die später wahrsagende und psychologische Bedeutungen erlangte.
Historische Ursprünge der 78-Karten-Struktur
Der italienische Trionfi (ca. 1440er Jahre)
Die frühesten erhaltenen Tarotdecks, die zwischen 1440 und 1450 in Mailand, Ferrara und Bologna hergestellt wurden, enthielten bereits die vollständige Struktur aus achtundsiebzig Karten. Das Visconti-Sforza-Deck (ca. 1451–1453), eines der vollständigsten frühen Beispiele, folgt genau diesem Muster. Die Trumpfsequenz (genannt trionfi oder triumphi) wurde dem bestehenden, aus der Mamluk-Welt importierten Spielkartensystem mit vier Farben hinzugefügt.
Wichtige historische Quellen:
- Michael Dummett, The Game of Tarot: From Ferrara to Salt Lake City (1980) – die maßgebliche akademische Studie über die Gaming-Ursprünge des Tarot
- Franco Pratesi, Studies on Italian Playing Cards (1989) – Archivrecherche zur frühen italienischen Kartenproduktion
- Das Cary-Yale-Visconti-Deck (ca. 1442–1447) in der Beinecke-Bibliothek der Yale University – enthält zusätzliche Bildkarten (sechs pro Farbe statt vier), die frühe Variationen zeigen
Der Mamluken-Vorgänger
Die Vier-Farben-Struktur der Kleinen Arkana geht auf mamlukische ägyptische Spielkarten (ca. 14. Jahrhundert) zurück, die die Farben Pokale, Münzen, Schwerter und Poloschläger verwendeten (später in Europa an Schlagstöcke/Keulen angepasst). Jede Mamluk-Farbe hatte zehn nummerierte Karten plus drei Bildkarten (König, Stellvertreter des Königs, Zweiter Stellvertreter). Europäische Kartenhersteller fügten eine vierte Bildkarte (den Pagen/Ritter) hinzu und erweiterten jede Farbe von dreizehn auf vierzehn Karten.
Quelle: L.A. Mayer, Mamluk Playing Cards (1939, Nachdruck 2006) – identifizierte das Deck des Topkapı-Museums als Prototyp für europäische Farben.
Regionale Unterschiede in der Kartenanzahl
Nicht alle historischen Tarotdecks verwendeten genau achtundsiebzig Karten:
| Deck/Tradition | Kartenanzahl | Unterschied |
|---|---|---|
| Standard Italienisch/Französisch | 78 | Grundlinie |
| Cary-Yale Visconti | ~80 | Zusätzliche Bildkarten (Dama, Fante) |
| Minchiate (Florenz) | 97 | 40 Trümpfe + 56 Kleine Arcana + 1 Narr |
| Tarocco Bolognese | 62 | Entfernt 2–5 von Minor Arcana |
| Tarocco Siciliano | 64 | Modifizierte Trumpfsequenz |
| Schweizer Tarot (1JJ) | 78 | Standardzählung, verschiedene Trumpfnamen |
Der 78-Karten-Standard wurde durch die Tarot-Tradition von Marseille (17.–18. Jahrhundert in Frankreich) vorherrschend und wurde durch das Rider-Waite-Smith-Deck (1909) zementiert.
Die zwei Gruppen: Große und kleine Arkana
Große Arkana (22 Karten)
Der Begriff „Major Arcana“ (aus dem Lateinischen arcanum, was „Geheimnis“ oder „Geheimnis“ bedeutet) wurde von Jean-Baptiste Pitois (geschrieben als Paul Christian) in „L'Homme Rouge des Tuileries“ (1863) geprägt. Frühere Quellen nannten diese Karten trionfi (Triumphe), atouts (Französisch) oder einfach „Trümpfe“.
Die zweiundzwanzig großen Arkana-Karten sind von 0 (oder im Fall von „Der Narr“ ohne Nummer) bis XXI (21) nummeriert. Sie zeigen eher archetypische Figuren und Szenen als Farbessymbole:
- Der Narr (Le Mat / Il Matto)
I. Der Zauberer (Le Bateleur / Il Bagatto)
II. Die Hohepriesterin (La Papesse)
III. Die Kaiserin (L'Impératrice)
IV. Der Kaiser (L'Empereur)
V. Der Hierophant (Le Pape)
VI. Die Liebenden (L'Amoureux)
VII. Der Streitwagen (Le Chariot)
VIII. Stärke/Gerechtigkeit (variiert je nach Tradition)
IX. Der Einsiedler (L'Ermite)
X. Glücksrad (La Roue de Fortune)
XI. Gerechtigkeit / Stärke (variiert je nach Tradition)
XII. Der Gehängte (Le Pendu)
XIII. Tod (La Mort / unbenannt in Marseille)
XIV. Mäßigkeit (Tempérance)
XV. Der Teufel (Le Diable)
XVI. Der Turm (La Maison Dieu)
XVII. Der Stern (L'Étoile)
XVIII. Der Mond (La Lune)
XIX. Die Sonne (Le Soleil)
XX. Urteil (Le Jugement)
XXI. Die Welt (Le Monde)
Hinweis zum VIII/XI-Tausch: Die Marseille-Tradition setzt Gerechtigkeit auf VIII und Stärke (La Force) auf XI. Die Golden Dawn/Rider-Waite-Smith-Tradition kehrt diese um und setzt Stärke auf VIII und Gerechtigkeit auf XI. Dieser Tausch erfolgte im Einklang mit astrologischen Entsprechungen (Löwe = VIII für Stärke, Waage = XI für Gerechtigkeit). Eine ausführliche Diskussion finden Sie in Kapitel 04.
Kleine Arkana (56 Karten)
Die Kleine Arkana besteht aus vier Farbenn, die jeweils Folgendes enthalten:
- Zehn nummerierte Karten (Ass bis Zehn)
- Vier Bildkarten (Seite, Ritter, Königin, König)
Die vier Farben und ihre traditionellen Assoziationen:
| Farbe | Marseille-Name | Element (Golden Dawn) | Domäne |
|---|---|---|---|
| Zauberstäbe/Schlagstöcke | Schlagstöcke | Feuer | Wille, Kreativität, Handeln, Unternehmertum |
| Tassen | Coupés | Wasser | Emotionen, Beziehungen, Intuition |
| Schwerter | Degen | Luft | Intellekt, Konflikt, Kommunikation |
| Münzen/Münzen | Münzen | Erde | Materielle Welt, Finanzen, Körper |
Historischer Hinweis: Die Elementarkorrespondenzen waren nicht Teil des ursprünglichen Spieldecks. Sie wurden im späten 19. Jahrhundert vom Hermetic Order of the Golden Dawn systematisiert und durch Arthur Edward Waites „The Pictorial Key to the Tarot“ (1910) populär gemacht. In der Tradition von Marseille werden Farben eher mit sozialen Schichten (Kleriker, Adel, Kaufleute, Bauern) oder mit den vier Evangelisten in Verbindung gebracht.
Strukturelle Beziehungen
Warum 22 + 56?
Mehrere Interpretationsrahmen erklären die Beziehung zwischen Major und Minor Arcana:
Hierarchisch (Spielursprung): Im ursprünglichen trionfi-Spiel waren die Trümpfe einfach allen Farbkarten überlegen. Die „Bedeutung“ der Großen Arkana für die Wahrsagerei ist eine spätere esoterische Überlagerung.
Archetypisch vs. situativ (jungianische Lesart): Große Arkana repräsentieren universelle psychologische Archetypen (die Reise des Narren, die Reise des Helden), während kleine Arkana alltägliche Situationen und Erfahrungen darstellen. Diese Lesart wurde von Eden Gray (The Complete Guide to Tarot, 1970) und später von jungianisch orientierten Autoren populär gemacht.
Kabbalistische Zuordnung: Die Goldene Morgenröte ordnete die 22 Großen Arkana den 22 hebräischen Buchstaben und den Pfaden des Baumes des Lebens zu, während die 56 Kleinen Arkana durch die vier Farben den vier kabbalistischen Welten (Atziluth, Briah, Yetzirah, Assiah) zugeordnet wurden. Einzelheiten finden Sie in Kapitel 04-05.
Numerologisch: 78 = 22 + 56. Die Zahl 22 entspricht dem hebräischen Alphabet; 56 = 4 × 14 (vier Farben × vierzehn Karten). Die Summe 7 + 8 = 15, was sich auf 6 reduziert (Die Liebenden, Wahl, Integration der Gegensätze).
Die Position des Narren
Der Narr (Le Mat) nimmt eine einzigartige strukturelle Position ein:
- In Marseille: nicht nummeriert, außerhalb der Reihenfolge platziert
- In Rider-Waite-Smith: nummeriert 0, am Anfang platziert
- In Thoth: mit der Nummer 0, aber auch mit dem Element Luft und dem hebräischen Buchstaben Aleph verbunden
- Im Originalspiel: Der Narr war eine besondere Karte (Ausrede), die einen Stich vermeiden konnte
Diese strukturelle Mehrdeutigkeit spiegelt die symbolische Bedeutung des Narren wider: der Außenseiter, der Anfang, der Sprung ins Unbekannte.
Wie sich die Struktur auf das Lesen auswirkt
Große Arcana-Dichte
Wenn eine Legung viele Major Arcana-Karten enthält, deutet die traditionelle Interpretation darauf hin:
- Die Situation beinhaltet wichtige Lebensthemen oder karmische Kräfte
- Der Fragende verfügt über weniger persönliche Entscheidungsfreiheit (externe Kräfte dominieren)
- Die Lesung befasst sich eher mit langfristigen Mustern als mit alltäglichen Sorgen
Wenn eine Seite hauptsächlich Kleine Arkana enthält:
- Die Situation liegt eher in der Kontrolle des Abfragenden
- Praktische, alltägliche Angelegenheiten werden betont
- Die Entscheidungen und Handlungen des Suchenden sind wichtiger
Diese Auslegungskonvention ist weit verbreitet, aber nicht universell. Marseille-orientierte Leser (z. B. Alejandro Jodorowsky, The Way of Tarot, 2004) neigen dazu, alle Karten als gleich bedeutsam zu betrachten und sie als eine einheitliche visuelle Erzählung statt hierarchisch zu lesen.
Farbeverteilung
Die Verteilung der Farben in einem Legung liefert kontextbezogene Informationen:
- Das Vorherrschen einer Farbe weist auf den vorherrschenden Lebensbereich hin
- Das Fehlen einer Farbe kann ein Hinweis darauf sein, dass dieser Bereich vernachlässigt oder irrelevant ist
- Eine ausgewogene Verteilung deutet auf eine abgerundete Situation hin
Bildkarten als Strukturmarker
Hofkarten können folgende Funktionen haben:
- Personen (der Fragende, andere Beteiligte)
- Aspekte des Selbst (Einstellungen, Rollen, Reifegrade)
- Ereignisse oder Situationen (eine „ritterliche“ Energie der Bewegung, eine „königliche“ Energie der Fürsorge)
- Strukturelle Marker, die den Grad der Reife oder Autorität in einer Situation anzeigen
Verschiedene Traditionen gewichten diese Interpretationen unterschiedlich. Eine ausführliche Hofkartenanalyse finden Sie in Kapitel 02-04.
Variationen zwischen Traditionen
Unterschiede bei der Kartennummerierung
| Funktion | Marseille | Rider-Waite-Smith | Thoth |
|---|---|---|---|
| Narrennummer | Ohne Nummer | 0 | 0 |
| VIII | Gerechtigkeit | Stärke (Stärke) | Anpassung |
| XI | Stärke (La Force) | Gerechtigkeit | Lust |
| XIII-Name | Unbenannt (La Mort) | Tod | Tod |
| Hofkarten | Kammerdiener, Kavalier, Reine, Roi | Seite, Ritter, Königin, König | Prinzessin, Ritter, Königin, Prinz |
| Farbenamen | Schlagstöcke, Coupes, Degen, Deniers | Zauberstäbe, Tassen, Schwerter, Pentakel | Zauberstäbe, Tassen, Schwerter, Scheiben |
Die Thoth-Ausnahme: Umbenennung der Hofkarte
Aleister Crowley benannte die Hofkarten in „The Book of Thoth“ (1943) um:
- Seite → Prinzessin (repräsentiert das letzte Heh des Tetragramms)
- Ritter → Ritter (repräsentiert aber die Energie des Königs als aktives männliches Prinzip)
- Königin → Königin
- König → Prinz (repräsentiert das Vav des Tetragrammaton)
Diese Umbenennung spiegelt Crowleys kabbalistischen Rahmen wider und kann Leser beim Übergang zwischen Systemen verwirren.
Die Minchiate-Ausnahme
Das Florentiner Minchiate-Deck (16.–18. Jahrhundert) erweiterte die Trumpffolge auf vierzig Karten, indem es Folgendes hinzufügte:
- Die vier Kardinaltugenden (Besonnenheit, Standhaftigkeit, Mäßigkeit, Gerechtigkeit) als separate Karten
- Die drei theologischen Tugenden (Glaube, Hoffnung, Nächstenliebe)
- Die vier Elemente (Feuer, Wasser, Erde, Luft)
- Die zwölf Sternzeichen
Dadurch entstand ein 97-Karten-Deck, das in Florenz und Rom beliebt war, aber nie die internationale Legung des Standard-78-Karten-Systems erreichte.
Moderne Interpretationen der Struktur
Die Narrative über die Reise des Narren
Das populärste moderne Rahmenwerk interpretiert die 22 Großen Arkana als eine aufeinanderfolgende Erzählung – „Die Reise des Narren“ – in der der Narr (0) nacheinander jedem Archetyp begegnet und dabei an Weisheit zunimmt:
- Karten I–VII: Die materielle/äußere Welt (Von Autoritätspersonen lernen)
- Karten VIII–XIV: Die innere Welt (Selbstbeherrschung, Transformation)
- Karten XV–XXI: Die kosmische/spirituelle Welt (Konfrontation mit Schatten, Erreichen von Integration)
Diese Erzählung wurde von Eden Gray (1970) populär gemacht und ist zum vorherrschenden Lehrrahmen im englischsprachigen Tarot geworden. Es handelt sich jedoch um eine moderne Erfindung – keine historische Quelle vor dem 20. Jahrhundert beschreibt die Trümpfe als eine sequentielle Reise.
Quelle: Helen Farley, A Cultural History of Tarot (2009) – zeichnet nach, wie die Erzählung „Fool's Journey“ im 20. Jahrhundert entstand.
Strukturelles vs. intuitives Lesen
Zwei allgemeine Ansätze für das 78-Karten-System:
Strukturelle Lesart: Betont die interne Logik des Systems – Numerologie, elementare Würden, kabbalistische Entsprechungen, Positionsbedeutungen. Der Leser interpretiert Karten hauptsächlich anhand ihres Platzes im System.
Intuitives/narratives Lesen: Betont die visuelle Erzählweise der Karten, die Bauchreaktion des Lesers und die persönlichen Assoziationen des Fragenden. Das System gibt einen Rahmen vor, gibt aber keine Bedeutung vor.
Die meisten erfahrenen Leser kombinieren beide Ansätze, aber Schulungsprogramme neigen dazu, den einen gegenüber dem anderen hervorzuheben. Die Tradition des Golden Dawn ist stark strukturell; die Marseille-Tradition (Jodorowsky-Costa) betont die visuelle Erzählung; Die „Intuitive Tarot“-Bewegung (ab den 1970er Jahren) priorisiert die persönliche Reaktion.
Zusammenfassung
Das 78-Karten-Tarotsystem ist:
- Ein stabiles Bauwerk aus den 1440er Jahren
- Unterteilt in 22 Große Arkana (Archetyp-/Trumpfkarten) und 56 Kleine Arkana (vier Farben zu je vierzehn)
- Vorbehaltlich regionaler und traditioneller Abweichungen (Hofkarten Minchiate, Bolognese, Thoth)
- Interpretiert durch mehrere Frameworks (Gaming, kabbalistisch, jungianisch, erzählerisch)
- Die Grundlage, auf der alle Kartenbedeutungen, Legungs und Lesemethoden basieren
Das Verständnis dieser Struktur ist der erste Schritt zum flüssigen Tarot-Lesen. Die Karten existieren nicht isoliert – sie existieren in Beziehung zueinander innerhalb dieser 78-Karten-Architektur.
Referenzen
- Dummett, M. (1980). Das Tarotspiel: Von Ferrara nach Salt Lake City. London: Duckworth.
- Farley, H. (2009). Eine Kulturgeschichte des Tarot: Von der Unterhaltung zur Esoterik. London: I.B. Tauris.
- Gray, E. (1970). Der komplette Tarot-Leitfaden. New York: Krone.
- Jodorowsky, A. & Costa, M. (2004). Der Weg des Tarot: Der spirituelle Lehrer in den Karten. Rochester, VT: Innere Traditionen.
- Mayer, L.A. (1939/2006). Mamluk-Spielkarten. London: Faber & Faber.
- Pratesi, F. (1989). Studien zu italienischen Spielkarten. London: Internationale Spielkartengesellschaft.
- Waite, A.E. (1910). Der Bildschlüssel zum Tarot. London: William Rider & Son.
- Crowley, A. (1943). Das Buch Thot. London: O.T.O.